Die Geschichte des Münchner Oktoberfests: Von der königlichen Romanze zum bayerischen Weltkulturgut

Erfahre alles über den Ursprung des Oktoberfests – von der Hochzeit Ludwigs I. 1810 bis zum größten Volksfest der Welt. Entdecke die Tradition der Bierzelte, die Oide Wiesn und das bayerische Lebensgefühl der „Liberalitas Bavariae“. O’zapft

Liam Brömer

2/18/20264 min lesen

Wer zum ersten Mal die Theresienwiese betritt, wird von einer Sinnesflut überwältigt: Das Dröhnen der Fahrgeschäfte, der Duft von gebrannten Mandeln und Steckerlfisch und das rhythmische Klirren von tausenden Maßkrügen. Doch hinter diesem modernen Spektakel verbirgt sich eine Geschichte, die so bayerisch ist, wie sie nur sein könnte – eine Mischung aus Zufall, Pragmatismus und einer ganz besonderen Liebe zur Geselligkeit.

Der Ursprung

Stell dir vor, du feierst deine Hochzeit und zweihundert Jahre später kommen immer noch sechs Millionen Gäste vorbei. Genau das ist der Ursprung des Oktoberfests. Am 12. Oktober 1810 vermählte sich der bayerische Kronprinz Ludwig (der spätere König Ludwig I.) mit Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen. Ludwig war ein Mann mit einem ausgeprägten Sinn für Inszenierung und Nationalstolz. Anstatt die Hochzeit nur hinter verschlossenen Kirchentüren und in prunkvollen Sälen zu feiern, entschied er sich, das gesamte Münchner Volk einzubeziehen.

Die Feierlichkeiten dauerten fünf Tage und gipfelten in einem großen Pferderennen auf einer weiten Fläche vor den Toren der Stadt. Das Gelände wurde zu Ehren der Braut „Theresienwiese“ getauft. Die Münchner waren von der Atmosphäre so begeistert, dass man beschloss, das Fest im nächsten Jahr zu wiederholen. Damals ahnte niemand, dass daraus das größte Volksfest der Welt entstehen würde. Aus dem rein sportlichen Ereignis wurde schnell ein landwirtschaftliches Fest, bei dem die Bauern der Region ihre schönsten Rinder und Pferde präsentierten – ein Relikt dieser Zeit ist die „Zentrallandwirtschaftsfest“, das auch heute noch alle vier Jahre parallel stattfindet.

Bayrisches Bier und Festzelte

In den ersten Jahrzehnten suchte man die riesigen Zelte, wie wir sie heute kennen, vergeblich. Das Bier wurde an kleinen Bretterbuden ausgeschenkt, die eher an heutige Imbissstände erinnerten. Doch München wuchs, die Brauereien wurden mächtiger und der Durst der Besucher größer. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann die goldene Ära der Wiesn-Architektur. 1896 errichteten die Brauereien erstmals riesige Festhallen, die Platz für tausende Menschen boten. Diese „Bierburgen“ sollten nicht nur als Ausschank dienen, sondern auch den Stolz und die Macht der Münchner Brauzunft repräsentieren.

Ein interessantes Detail der Geschichte ist die zeitliche Verschiebung. Ursprünglich fand das Fest tatsächlich im Oktober statt. Doch wer das bayerische Wetter kennt, weiß: Der „Goldene Oktober“ kann in München sehr schnell in nasskalte Schneeregen-Tage umschlagen. Um die lauen Spätsommerabende besser nutzen zu können, wurde das Fest 1872 zeitlich nach vorne verlegt. Seitdem beginnt das Oktoberfest meist Mitte September und endet traditionell am ersten Sonntag im Oktober. Der Name blieb als Hommage an die königliche Hochzeit von 1810 bestehen.

Warum feiern wir heute immer noch?

Es stellt sich die Frage: Warum hat dieses Fest zwei Jahrhunderte, mehrere Kriege, Hyperinflationen und Pandemien überlebt? Die Antwort liegt im bayerischen Lebensgefühl der „Liberalitas Bavariae“ – dem Prinzip des „Leben und leben lassen“.

Das Oktoberfest ist einer der wenigen Orte auf der Welt, an dem soziale Hierarchien für ein paar Stunden komplett außer Kraft gesetzt werden. Im Festzelt sitzt der Handwerker neben dem Milliardär, der Tourist aus Japan schunkelt mit der Rentnerin aus Giesing, und der Student teilt sich seine Brezn mit dem Anwalt. Die Tracht – Lederhose und Dirndl – wirkt dabei wie eine Uniform der Gleichheit. Wer Tracht trägt, gehört dazu, egal woher er kommt.

Zudem ist das Oktoberfest ein Ankerpunkt der Tradition in einer sich rasend schnell verändernden Welt. Während draußen die Digitalisierung voranschreitet, bleibt auf der Wiesn vieles beim Alten: Die Kapellen spielen traditionelle Blasmusik (zumindest bis 18:00 Uhr), das Bier wird nach dem Reinheitsgebot von 1487 gebraut und die Bedienungen stemmen immer noch zehn oder mehr Maßkrüge gleichzeitig durch die engen Gassen der Zelte.

Die „Oide“ Wiesn: Eine Rückkehr zu den Wurzeln

Wer den Trubel der modernen Fahrgeschäfte einmal hinter sich lassen will, findet im Südteil der Theresienwiese die „Oide Wiesn“. Sie wurde zum 200-jährigen Jubiläum im Jahr 2010 eingeführt und war ursprünglich als einmalige Veranstaltung geplant. Die Münchner liebten sie jedoch so sehr, dass sie zur Dauereinrichtung wurde. Hier kann man für einen kleinen Eintrittspreis erleben, wie sich die Wiesn vor hundert Jahren anfühlte: historische Kettenkarussells, Volkstanzgruppen auf echten Holzböden und Bier aus dem traditionellen Holzfass (dem „Hirschen“). Es ist die ruhigere, nostalgische Seite des Festes, die beweist, dass das Oktoberfest im Kern immer noch ein Familienfest geblieben ist.

Die Besonderheit des Größten Volksfests der Welt

Heute ist die Wiesn ein gigantischer Wirtschaftsfaktor, aber vor allem ein Symbol für München. Es werden jährlich über 7 Millionen Maß Bier getrunken und rund 500.000 Brathähnchen verzehrt. Doch die wahren Geschichten passieren nicht in den Statistiken, sondern an den Tischen. Es sind die flüchtigen, spontanen Bekanntschaften, die gemeinsamen Gesänge und das unbeschreibliche Gefühl, Teil des Ganzen zu sein. Das Oktoberfest ist mehr als nur ein Event. Es ist das kollektive Gedächtnis einer Stadt, die stolz auf ihre Geschichte ist und gleichzeitig weiß, wie man sich amüsiert. Wer einmal den Ruf „O’zapft is!“ live erlebt hat, wenn der Oberbürgermeister das erste Fass ansticht, der versteht: Hier wird nicht nur getrunken, hier wird das Leben zelebriert. Doch so schön jede Beschreibung von der Ferne aus klingt: Nur vor Ort kann man den richtigen Wiesn Charm erleben und Teil dieses unvergesslichen Kultur-Fest‘s werden. Die Wiesn ruft!